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Ich bin noch da!

Gott spricht: „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.“
Monatsspruch Jesaja 54


„Ich gehe nur kurz nach oben. Ich bin gleich wieder da, Jasper.“ Nett gemeint. Das Dumme ist: Die Worte kommen nicht an. Er weint und klammert sich ans Treppengitter. Mit greinendem Blick schaut er mir hinterher und tut seinen Protest lautstark kund. Papa geht weg – und das soll er nicht! Jasper fühlt sich verlassen. Er ist getrennt. Die beschwichtigenden Worte „nur kurz“ und „gleich wieder“ versteht er nicht. Sein Zeitgefühl ist noch nicht ausgebildet. Er lebt ganz gegenwärtig, die Zukunft ist für ihn ganz Gegenwart. Wenn er sich verlassen fühlt, denkt er, dass er nun schlechthin verlassen wird. Er muss erst ausreichend die Erfahrung sammeln, dass Mama oder Papa wiederkommen. Bis sich diese Erfahrung gefestigt hat, dauert es seine Zeit und bis dahin wird eben geweint. Manchmal tröstet es ihn, wenn ich aus dem 1. Stock rufe (ohne dass er mich sieht!): „Ich bin noch da!“

Verlassen werden – ein unangenehmes Gefühl. Wenn es sich schnell verflüchtigt (siehe oben), ist es ja zu ertragen. Große Verlassenheitsgefühle dagegen schlagen tief in unsere Seele ein. Wenn man sich an etwas gebunden hat, Zeit und Liebe investierte – und dann das Gegenüber, aus welchem Grund auch immer, weg ist? So etwas tut weh und verunsichert. Dann weinen nicht nur Kinder.

Was hilft? Die einzige Lösung, die sich mir auftut, ist das Erleben von Gemeinschaft. Kommunikation, Gespräch, Berührung mit der Familie, Freunden und auch Bekannten. Und mit Gott; schließlich ist er für die große Fragen zuständig.

„Gott, hörst du mich?“
„Ja, ich höre dich. Ich rede mit dir durch Menschen, die ich in meinen Dienst genommen habe. Höre ihnen zu, dann hörst du mich.“ So einer von denen, dem wir zuhören sollen, ist der Prophet Jesaja. Er spricht im Namen Gottes zum Volk Israel, was in der Fremde leben muss und sich verlassen fühlt. Einsamkeit hält die Zeit an, manchmal gesteigert bis ins Unerträgliche. Es braucht das rechte Wort zur rechten Zeit, um die Unerträglichkeit erträglich zu machen. „Mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.“ Gott verheißt seinem Volk eine neue Zeit der Zuwendung, ein Ende des Gefühls von Verlassenheit. Bei ihm gehen die Uhren anders. Die Zeit des Leids wird erträglich, wenn man auf etwas hoffen kann, was dahinter liegt und eine gute Zeit zu werden verspricht.

Im Übrigen füllt Gott die Zeit des Leids. Darum feiern ja Weihnachten. Wir freuen uns über das Geschenk seines Sohnes, der zu uns kommt und eben nicht mehr weggeht. Gekommen, um zu bleiben durch dick und dünn. Er ist Gottes Art uns zu sagen: „Ich bin noch da!“

Dr. Lüder Meyer-Stiens, Pastor in der Kirchengemeinde Ledeburg-Stöcken










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